Sonntag, 7. Oktober 2012

Er, der alle Wege kennt


Es schien nur einige Tage her zu sein, dass er bei seinem ehemaligen Waffenbruder an der Theke saß und über die guten alten Zeiten schwärmte. Über die Zeit in den Tallanden, vor einem dutzend Jahren. Die Rückkehr der Herrin Sylune. Die Wende im Schlachtglück. Das Geschenk der Herrin an sie beide. Den letzten großen Kampf mit den Zhentarim vor der langen Ruhe. An den Abend an dem ihm sein Freund verkündet hatte, er wolle in die Herzlande. Sehen, ob es dort nicht Arbeit für einen Wandernden Mann gäbe. Die seltsame Alte, die sich zu den beiden gesetzt hatte und Brot und Bier mit ihnen geteilt hatte und die Geschichte von Gdosnajet Vsepuchi erzählte. Dem der alle Wege kennt.
Damals war es eine gute Geschichte. Vor allem für die beiden Kämpen des Shaundakul. Ein Heiliger, der wusste, was am Ende jedes Weges lag, so dass er mit seiner treuen Klinge immer dorthin gehen konnte, wo er am meisten gebraucht wurde und der damals den ersten Siedlern im Schattental geholfen hatte, gegen die Gefahren der Lande zu bestehen. Drei Jahre später musste er wieder an diese Geschichte denken. Weit im Osten, an der Grenze zu Kara Tur. Lange Wanderungen hatten Ihn dort hingebracht. Er hatte vor Beginn seiner Wanderung zum ersten Mal sein Schwert stecken lassen, als Wegelagerer ihn überfielen. Zu sehr erinnerten sie ihn an Boras, sein altes Selbst, das er zurückgelassen hatte in irgendeinem namenlosen Ort mit einer namenlosen Mühle. Verunsichert waren sie, Sicherheit nur in ihrer Stärke suchend und doch nur geknechtet von dem Bösen auf das sie zusteuerten. So hatte er mit ihnen geredet, hatte Beleidigungen und Herausforderungen über sich ergehen lassen in dem Gefühl, dass mit dem Tod der Wegelagerer niemandem gedient sei. Auch deshalb berührte ihn die Weise, die das junge mangeläugige Mädchen im Grenzland sang so sehr. Die Weise von Daosheng. Ein weiser alter Mann, der mit seinem Schwert durch die Lande zog und sich Schläge gefallen ließ, weil er in jedem Menschen die guten Taten sehen konnte, zu denen er fähig wäre. Der, der alle Wege kannte. Der von Dorf zu Dorf zog, mit den Halunken, Dieben, Mördern sprach und für jeden, dessen Herz er berühren konnte zehn Narben hinnehmen musste von denen, die ihm dennoch mit Gewalt begegneten. Einhundertzehn Menschen brachte er auf den rechten Pfad zurück bis ihn der einhundertelfte erschlug, ein Räuberbaron, der über ein großes Land herrschte. Doch seine Freunde konnten sein Werk vollenden, denn jeder von ihnen hatte seinerseits dutzende für die gute Sache gewonnen und gemeinsam brachten sie dem Land Frieden und Sicherheit.
Wo er auch hingekommen war, die Geschichten begleiteten Thorain. Gedita Merihat hieß eine Heilige in Aglarond, die den Hexern von Thay ihre Schäfchen nahm und gegen sie wandte, weil sie schon überall gewesen war und aus ihrer großen Erfahrung immer zu wissen schien, welches Ziel ein jeder eigentlich verfolgte. Die, die alle Wege kennt. In Asanibis erzählten sie vom Zauberer Eleyuarfukul Asubel, der alle Fäden der Zukunft kannte, und immer wusste, was zu tun war, um Unheil von den Menschen abzuwenden, um sie vor sich selbst zu schützen. Der den Streichen seiner Gegner ausweichen konnte, weil er wusste, wann sie kamen und der ihnen mit Verständnis begegnete. Der, der alle Wege kannte. Auf dem Weg in den hohen Norden begegnete er dem Barbaren Jun'gach aus den Steppen von Rashemi, der ihm die Geschichte von der heiligen Frau Jerite Janeche erzählte nachdem er gesehen hatte, wie Thorain einen aufgehetzen Mob von Bauern davon abgehalten hatte, einem reisenden Halbelf Leid zu tun, weil sie ihn für eine Reihe von Missgeburten verantwortlich machten. Die Geschichte von der, die alle Wege kannte und durch die Steppen von Rashemi zog, um Frieden zwischen die Stammesfürsten zu bringen. Sie vermittelte, weil sie stets zu wissen schien, wie die Missverständnisse aufzulösen waren, die so oft hinter Krieg, Leid und Verderben lagen. Im hohen Norden erzählte ihm ein zahnloser Uthgard vom Berggeist Semfekkir Allavegu, der früher in der Gegend umging und den Menschen aufsuchten, um Hilfe bei großen Entscheidungen zu finden, denn er kannte alle Wege und sah die Folgen ihrer Entscheidungen. Er hatte gesehen, wie Thorain ein Duell verhinderte, indem er beiden Streithähnen ausmalte, wie es ihren Familien ohne sie ergehen würde.
Diesen seltsamen Einblick auf das, was passieren könnte hatte er zum ersten Mal gespürt, als er die Wegelagerer traf und oft danach fuhren ihm Bilder durch den Kopf. Wenn er einem Missetäter begegnete hatte er eine seltsame Ahnung davon, was diesen dorthin brachte, was geschehen würde, wenn Thorain ihn erschlug. Welches Leid durch diese Gewalt entstehen würde. Nicht immer hatte er Erfolg gehabt. Die tiefe Narbe in seinem Gesicht, sein blindes Auge, der immer noch schmerzende Schnitt in seinem rechten Oberarm zeugte n von Momenten in denen ein ruhiges Wort nichts genutzt hatte und Wallebruoder das letzte Worte hatte sprechen müssen. Auch er selbst hatte manchmal das Gefühl, er lebte zwei Leben. Folgte zwei Pfaden zugleich. Vor allem zu Beginn seiner Reise. In den letzten Jahren aber hatte dieses Gefühl nachgelassen und Thorain fühlte sich wieder ganz und eins in seinem Körper. Viel war er herumgekommen, viel hatte er gesehen.

Sein Ausflug in den Norden hatte ihm auch wieder gezeigt, dass neben diesen Geschichten die einzige Konstante in seinem Wanderleben stets die schwarzen Schatten von Zhentilsfeste waren. Immer wieder hatte hatte er entdeckt wie die Zhentiler ihre Finger nach den Landen ausgestreckt in denen er unterwegs war. Hier ein Agent, der dem Fürsten einflüsterte, dort eine Mine, die urplötzlich von einer gut organisierten Compagnie übernommen wurde, da ein ausgeraubtes Grab in dem ein heiliges Artefakt hätte liegen sollen. Die Zhentiler selbst waren zumeist zu gefestigt in ihrer Hingabe an die dunkle Sache, als dass er einen guten Einfluss auf sie hätte ausüben können. Immer auf der Suche nach machtvollen Artefakten und geheimem Wissen für ihr Arsenal zogen sie aber zahllose gute Menschen in ihre Ränke hinein, entfernten sie vom selbstgewählten Pfad, machten sie zu Spielfiguren ohne eigenen Willen. Bei jenen hatte Thorain schon Erfolg gehabt. Stets aber blieb das Gefühl, dass irgendwo eine Verschwörung unaufgeklärt blieb, die finsteren Pläne im Verborgenen gediehen.

Das Treffen in Elturel hatte gut getan. Wie eine Rückkehr in ein altes Leben. Der gemeinsame Weg, den er uns sein Freund gegangen waren hatte beide geprägt, ließ sie einander tief vertrauen. So wusste Thorain auch, dass sein Freund recht haben musste mit seiner Einschätzung der Fremden, die  zu ihm gekommen waren. Ein Südländer. Eine pompöse Bardin. Ein heiliger Mann des Illmater. Eine seltsame Gruppe auf der Suche nach einem alten Grab. Dies musste das Zeichen sein, dass er gesucht hatte, vielleicht wieder irgendein Ränkespiel der Zhentiler das es zu verhindern galt. Seine nächste Aufgabe. Zu spät war er dort angekommen, hatte nur noch die Spuren eines Kampfes entdeckt. Die untoten Schrecken aus dem Grab waren ihm entwischt. Ziellos durchstreifte er seitdem die Wälder und Ebenen auf der Suche nach einer Spur. Zu spät war er gekommen. Auch den Überfall auf eine kleine Karawane, den er nur aus der Ferne mit ansehen konnte, hatte er nicht verhindern können. Die Horde von Banditen zog nach Süden, auf die Berge zu. Er beobachtete sie aus der Ferne, wagte es aber nicht, sich ihnen in den Weg zu stellen. Zu groß war die Gruppe, zu gut organisiert waren sie. Das ließ schlimmes ahnen für eine direkte Konfrontation. Auch den Gnollen, die eine ständige Gefahr waren, musste er öfter aus dem Weg gehen als ihm lieb war, konnte nur hier und dort verhindern, dass sie mehr Leid anrichteten. Oft war er auch hier zu spät gekommen. Die brennenden Ruinen eines Sägewerks und Spuren von Kämpfen zeitigten immer wieder Versagen. Zur Ruhe kam er nur abends. Wenn er am Feuer saß und über die Wanderung des nächsten Tages nachsann.
Auch an jenem Tag suchte er, die Dunkelheit war bereits eingebrochen, am Rande eines Talkessels nach einer Lagerstätte. Seine Fackel blendete ihn beim Abstieg, so dass er nur durch Zufall den schräg aus der Erde ragenden Felsen fand, der wie gemacht war, um ihm Unterschlupf zu bieten. Während das Feuer begann aufzulodern, ließ er sich auf dem Felsüberhang nieder und studierte sein Karte, Wallebruoder auf den Knien.
Wie aus dem Nichts fuhr ein Blitz in ihn und streckte ihn nieder. Sein erster Laut, als er das Bewusstsein wiedergewann war ein unartikuliertes Grunzen. Dann: "Tara!".

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