Es schien nur einige Tage her zu sein, dass er bei seinem ehemaligen Waffenbruder an der Theke saß und über
die guten alten Zeiten schwärmte. Über die Zeit in den Tallanden, vor einem
dutzend Jahren. Die Rückkehr der Herrin Sylune. Die Wende im Schlachtglück. Das
Geschenk der Herrin an sie beide. Den letzten großen Kampf mit den Zhentarim
vor der langen Ruhe. An den Abend an dem ihm sein Freund verkündet hatte, er
wolle in die Herzlande. Sehen, ob es dort nicht Arbeit für einen Wandernden
Mann gäbe. Die seltsame Alte, die sich zu den beiden gesetzt hatte und Brot und
Bier mit ihnen geteilt hatte und die Geschichte von Gdosnajet Vsepuchi
erzählte. Dem der alle Wege kennt.
Damals war es eine
gute Geschichte. Vor allem für die beiden Kämpen des Shaundakul. Ein Heiliger,
der wusste, was am Ende jedes Weges lag, so dass er mit seiner treuen Klinge
immer dorthin gehen konnte, wo er am meisten gebraucht wurde und der damals den
ersten Siedlern im Schattental geholfen hatte, gegen die Gefahren der Lande zu
bestehen. Drei Jahre später musste er wieder an diese Geschichte denken. Weit
im Osten, an der Grenze zu Kara Tur. Lange Wanderungen hatten Ihn dort
hingebracht. Er hatte vor Beginn seiner Wanderung zum ersten Mal sein Schwert
stecken lassen, als Wegelagerer ihn überfielen. Zu sehr erinnerten sie ihn an
Boras, sein altes Selbst, das er zurückgelassen hatte in irgendeinem namenlosen
Ort mit einer namenlosen Mühle. Verunsichert waren sie, Sicherheit nur in ihrer
Stärke suchend und doch nur geknechtet von dem Bösen auf das sie zusteuerten.
So hatte er mit ihnen geredet, hatte Beleidigungen und Herausforderungen über
sich ergehen lassen in dem Gefühl, dass mit dem Tod der Wegelagerer niemandem
gedient sei. Auch deshalb berührte ihn die Weise, die das junge mangeläugige
Mädchen im Grenzland sang so sehr. Die Weise von Daosheng.
Ein weiser alter Mann, der mit seinem Schwert durch die Lande zog und sich
Schläge gefallen ließ, weil er in jedem Menschen die guten Taten sehen konnte,
zu denen er fähig wäre. Der, der alle Wege kannte. Der von Dorf zu Dorf zog,
mit den Halunken, Dieben, Mördern sprach und für jeden, dessen Herz er berühren
konnte zehn Narben hinnehmen musste von denen, die ihm dennoch mit Gewalt
begegneten. Einhundertzehn Menschen brachte er auf den rechten Pfad zurück bis
ihn der einhundertelfte erschlug, ein Räuberbaron, der über ein großes Land
herrschte. Doch seine Freunde konnten sein Werk vollenden, denn jeder von ihnen
hatte seinerseits dutzende für die gute Sache gewonnen und gemeinsam brachten
sie dem Land Frieden und Sicherheit.
Wo er auch
hingekommen war, die Geschichten begleiteten Thorain. Gedita Merihat hieß eine
Heilige in Aglarond, die den Hexern von Thay ihre Schäfchen nahm und gegen sie
wandte, weil sie schon überall gewesen war und aus ihrer großen Erfahrung immer
zu wissen schien, welches Ziel ein jeder eigentlich verfolgte. Die, die alle
Wege kennt. In Asanibis erzählten sie vom Zauberer Eleyuarfukul Asubel, der
alle Fäden der Zukunft kannte, und immer wusste, was zu tun war, um Unheil von
den Menschen abzuwenden, um sie vor sich selbst zu schützen. Der den Streichen
seiner Gegner ausweichen konnte, weil er wusste, wann sie kamen und der ihnen
mit Verständnis begegnete. Der, der alle Wege kannte. Auf dem Weg in den hohen
Norden begegnete er dem Barbaren Jun'gach aus den Steppen von Rashemi, der ihm
die Geschichte von der heiligen Frau Jerite Janeche erzählte nachdem er gesehen
hatte, wie Thorain einen aufgehetzen Mob von Bauern davon abgehalten hatte,
einem reisenden Halbelf Leid zu tun, weil sie ihn für eine Reihe von
Missgeburten verantwortlich machten. Die Geschichte von der, die alle Wege kannte und durch die Steppen von Rashemi zog, um Frieden zwischen die Stammesfürsten zu bringen. Sie vermittelte, weil sie stets zu wissen schien, wie die Missverständnisse
aufzulösen waren, die so oft hinter Krieg, Leid und Verderben lagen. Im hohen
Norden erzählte ihm ein zahnloser Uthgard vom Berggeist Semfekkir Allavegu, der
früher in der Gegend umging und den Menschen aufsuchten, um Hilfe bei großen
Entscheidungen zu finden, denn er kannte alle Wege und sah die Folgen ihrer
Entscheidungen. Er hatte gesehen, wie Thorain ein Duell verhinderte, indem er
beiden Streithähnen ausmalte, wie es ihren Familien ohne sie ergehen würde.
Diesen seltsamen
Einblick auf das, was passieren könnte hatte er zum ersten Mal gespürt, als er
die Wegelagerer traf und oft danach fuhren ihm Bilder durch den Kopf. Wenn er
einem Missetäter begegnete hatte er eine seltsame Ahnung davon, was diesen dorthin
brachte, was geschehen würde, wenn Thorain ihn erschlug. Welches Leid durch diese
Gewalt entstehen würde. Nicht immer hatte er Erfolg gehabt. Die tiefe Narbe in
seinem Gesicht, sein blindes Auge, der immer noch schmerzende Schnitt in seinem
rechten Oberarm zeugte n von Momenten in denen ein ruhiges Wort nichts genutzt
hatte und Wallebruoder das letzte Worte hatte sprechen müssen. Auch er selbst
hatte manchmal das Gefühl, er lebte zwei Leben. Folgte zwei Pfaden zugleich.
Vor allem zu Beginn seiner Reise. In den letzten Jahren aber hatte dieses
Gefühl nachgelassen und Thorain fühlte sich wieder ganz und eins in seinem
Körper. Viel war er herumgekommen, viel hatte er gesehen.
Sein Ausflug in den
Norden hatte ihm auch wieder gezeigt, dass neben diesen Geschichten die einzige Konstante in seinem
Wanderleben stets die schwarzen Schatten von Zhentilsfeste waren. Immer wieder
hatte hatte er entdeckt wie die Zhentiler ihre Finger nach den Landen
ausgestreckt in denen er unterwegs war. Hier ein Agent, der dem Fürsten
einflüsterte, dort eine Mine, die urplötzlich von einer gut organisierten
Compagnie übernommen wurde, da ein ausgeraubtes Grab in dem ein heiliges
Artefakt hätte liegen sollen. Die Zhentiler selbst waren zumeist zu gefestigt
in ihrer Hingabe an die dunkle Sache, als dass er einen guten Einfluss auf sie
hätte ausüben können. Immer auf der Suche nach machtvollen Artefakten und
geheimem Wissen für ihr Arsenal zogen sie aber zahllose gute Menschen in ihre
Ränke hinein, entfernten sie vom selbstgewählten Pfad, machten sie zu
Spielfiguren ohne eigenen Willen. Bei jenen hatte Thorain schon Erfolg gehabt. Stets aber blieb das Gefühl, dass irgendwo eine Verschwörung unaufgeklärt blieb, die finsteren Pläne im Verborgenen gediehen.
Das Treffen in
Elturel hatte gut getan. Wie eine Rückkehr in ein altes Leben. Der gemeinsame
Weg, den er uns sein Freund gegangen waren hatte beide geprägt, ließ sie
einander tief vertrauen. So wusste Thorain auch, dass sein Freund recht haben
musste mit seiner Einschätzung der Fremden, die
zu ihm gekommen waren. Ein Südländer. Eine pompöse Bardin. Ein heiliger
Mann des Illmater. Eine seltsame Gruppe auf der Suche nach einem alten Grab.
Dies musste das Zeichen sein, dass er gesucht hatte, vielleicht wieder
irgendein Ränkespiel der Zhentiler das es zu verhindern galt. Seine nächste
Aufgabe. Zu spät war er dort angekommen, hatte nur noch die Spuren eines
Kampfes entdeckt. Die untoten Schrecken aus dem Grab waren ihm entwischt.
Ziellos durchstreifte er seitdem die Wälder und Ebenen auf der Suche nach einer Spur.
Zu spät war er gekommen. Auch den Überfall auf eine kleine Karawane, den er nur
aus der Ferne mit ansehen konnte, hatte er nicht verhindern können. Die Horde
von Banditen zog nach Süden, auf die Berge zu. Er beobachtete sie aus der
Ferne, wagte es aber nicht, sich ihnen in den Weg zu stellen. Zu groß war die
Gruppe, zu gut organisiert waren sie. Das ließ schlimmes ahnen für eine direkte Konfrontation. Auch den Gnollen, die eine ständige Gefahr waren,
musste er öfter aus dem Weg gehen als ihm lieb war, konnte nur hier und dort
verhindern, dass sie mehr Leid anrichteten. Oft war er auch hier zu spät
gekommen. Die brennenden Ruinen eines Sägewerks und Spuren von Kämpfen
zeitigten immer wieder Versagen. Zur Ruhe kam er nur abends. Wenn er am
Feuer saß und über die Wanderung des nächsten Tages nachsann.
Auch an jenem Tag
suchte er, die Dunkelheit war bereits eingebrochen, am Rande eines Talkessels
nach einer Lagerstätte. Seine Fackel blendete ihn beim Abstieg, so dass er nur durch Zufall
den schräg aus der Erde ragenden Felsen fand, der wie gemacht war, um ihm Unterschlupf
zu bieten. Während das Feuer begann aufzulodern, ließ er sich auf dem
Felsüberhang nieder und studierte sein Karte, Wallebruoder auf den Knien.
Wie aus dem Nichts
fuhr ein Blitz in ihn und streckte ihn nieder. Sein erster Laut, als er das
Bewusstsein wiedergewann war ein unartikuliertes Grunzen. Dann:
"Tara!".
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