"Wohlfühlen? Was redest Du da, Du weißt genau, wie ich hier gelandet bin", murmelte Damon. Der Arm, der über seinen blutunterlaufenen Augen lag, hatte sich seit einer Stunde nicht bewegt. Er fragte sich nicht, wie Meridia hier sein konnte, die doch eigentlich im Palast des Ifriti Unausdenkliches erdulden musste. Nein, darüber nachzudenken fühlte er sich nicht im Stande. Später vielleicht, aber erst einmal musste er noch ein bisschen ausruhen. Nur ein bisschen ausruhen, und vielleicht noch einen Schluck Wein trinken. Dann würde er darüber nachdenken, würde sich an Meridia erinnern, wie sie es verdiente. Aber nicht jetzt, jetzt brauchte er erst ein bisschen Ruhe. Und vielleicht noch einen Schluck Wein. Aber immerhin zog er seinen Arm ein Stück herunter und schielte zu Meridia hinüber. Dort stand sie, direkt vor seinem "Bett", einer Lumpenmatratze auf lange nicht gewechselter Streu, und funkelte ihn an. Damon betrachtete sie eine Weile und genoss den Anblick. Er versuchte, nicht daran zu denken, dass sie gar nicht hier sein konnte und wahrscheinlich nicht real war. Nein, um darüber nachzudenken, dass sie wahrscheinlich nur ein Phantom des Weindunstes in seinem Gehirn war, brauchte er eindeutig vorher etwas Ruhe. Und vielleicht...
"...Du mich einfach so im Stich lassen kannst! Damon! DAMON! Ich rede mit Dir!"
"Wwwas?"
"Damon, hör mir gefälligst zu, wenn ich mit Dir rede! Ich kann einfach nicht glauben, dass Du so schnell die Hoffnung aufgibst. Dass Du mich so einfach im Stich lassen kannst! Ich bin enttäuscht von Dir, Damon." Meridia sah nicht enttäuscht aus. Eher furchtbar wütend. Damon fand sie hinreißend und lächelte sie trunken an.
"Was grinst Du so blöde? Steh gefälligst auf! Vielleicht kannst Du die beiden noch einholen, und dann geht Ihr los und... und..." Meridia beendete den Satz nicht, sondern fuchtelte nur mit ihren Händen durch die Luft, als wolle sie sie in Stücke schneiden.
Damon hatte aufgehört zu lächeln. Meridias Worte waren endlich zu ihm durchgedrungen. Gequält meinte er: "Und was? Was sollen wir denn schon tun? Du bist weg, wir wissen nicht wohin, und dieser Ifriti war uns sowieso über. Hat mich verbrannt, tut übrigens immer noch höllisch weh, falls Du's wissen willst. Ich wäre fast gestorben. Und Thorain... Thorain IST gestorben, verdammt!"
"Ja, ich bin gestorben, mein Freund. Das passiert in dieser Welt, und sollte niemanden davon abhalten, das Richtige zu tun", meinte Thorain. Damon hatte gar nicht mitbekommen, wann der ins Zimmer gekommen war. Außerdem konnte er gar nicht hier sein. Hatte er es nicht eben selbst gesagt?
"Thorain! Was machst Du denn hier? Du hast doch selbst gesagt, dass Du gestorben bist. Wie geht denn das?" Damon war nun wirklich durcheinander, und sauer (vor allem auf sich selbst, aber das zeigte man besser nicht), und frustriert. Und auch etwas betrunken, möglicherweise. Er musste sich ausruhen. Und vielleicht noch einen Schluck trinken.
"Nein musst Du nicht", sagten Thorain und Meridia im Chor. "Und überhaupt", fuhr Meridia fort, "wann willst Du mit dem Ausruhen und Trinken denn wieder aufhören? Sagst Du nicht schon seit zwei Wochen, das Du nur ein bisschen Ruhe und vielleicht noch etwas Wein brauchst, dann kommst Du wieder auf die Füße? Reiß Dich gefälligst zusammen und rette mich oder irgendwas in der Art!"
"Meridia, meine Gute", erwiderte Thorain, "geh mit dem armen Damon nicht so hart ins Gericht. Er ist noch jung, und nicht alle von uns sind gleichermaßen stark. Der Verlust macht ihm zu schaffen, aber ich bin sicher, dass er wieder zu sich finden wird. Schließlich will er nicht den Rest seines Lebens in diesem Loch verbringen, nicht wahr, Damon?"
"Genau, und was ist das überhaupt für ein widerlicher Gestank?", fragte mit gekräuselter Nase Adeliz, die eben aufgetaucht war, bei Johab untergehakt, der Damon aus traurigen Augen verständnisvoll anblickte.
"RAUS HIER! ALLE! Das wird jetzt wirklich ZU VIEL! Das ist immer noch MEIN ZIMMER... ähm, ich meine MEIN Kopf, in dem Ihr rumspukt! Hört auf damit! Verschwindet, lasst mich in RUHEEEE!", brüllte Damon völlig außer sich.
* * *
Herwig Irmscher, Wirt des "Ross und Reiter", schüttelte verständnislos den Kopf und glättete seine Hemdbrust nach der kurzen Anstrengung. Er war immer noch sicher, dass er den dürren jungen Mann beim Stadtfürsten selbst hatte aus- und eingehen sehen, und im Kloster der Triadischen Gottheiten. Dass der sich so wenig beherrschen konnte, hätte er nicht gedacht. Und schließlich hatte er doch offenbar mächtige Freunde, bei denen er absteigen konnte, oder? Bei denen er vielleicht auch rumbrüllen konnte, soviel er wollte? Und die vielleicht sogar verständnisvoller waren als Herwig Irmscher, wenn es um nicht bezahlte Rechnungen ging, um zerschmettertes Nachtgeschirr und Belästigung anderer Gäste? Herwig Irmscher war fast sieben Fuß groß. Und breit und tief. Mit so einem Gastwirt wie ihm verscherzte man es sich doch nicht einfach! Herwig Irmscher konnte es einfach nicht verstehen.
"Tsss, tsss, tsss", murmelte er vor sich hin, während er zusah, wie sein jüngster Ex-Gast den Gerberbach hinuntertrieb und zappelnd versuchte, nach einer hölzernen Palette zu greifen, während die Jungen aus der Nachbarschaft ihn schadenfroh auslachten, "die jungen Leute heutzutage kennen einfach keine Selbstbeherrschung mehr. Tsss, tsss. Als ob wir's damals nicht schwer gehabt hätten. Die wissen einfach nicht, was sie für ein Glück haben, dass sie in so ruhigen Zeiten leben. Tsss, tsss, tsss..."
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.