Freitag, 29. Juni 2012

[Kapitel 1] Their Finest Hour

Damon Mondeval, ehemals von Sturmholt, lag in einem trockengefallenen Graben und schnippte in unregelmäßigen Abständen Ameisen von seinen krampfenden Beinen. Die Fuchsstute, völlig ausgepumpt und schweißbedeckt, lag immer noch gesattelt ein paar Schritte weiter im langen Gras. Ihr Atem ging jetzt wieder ruhiger. Damon hatte bereits befürchtet, dass die arme Kreatur nach dem stundenlangen Galopp krepieren würde. Dann hätte er seinen Weg zu Fuß fortsetzen müssen, eine Aussicht, auf die er nicht wirklich wild war. Er war vollkommen erledigt – den ganzen Tag marschiert, wenig gegessen, dann schlimme Hiebe eingesteckt und schließlich bis zur Mittagszeit geritten. Solche Strapazen hatte der junge Magier schon lange nicht mehr erlebt. Schlimmer noch: Finn war in die dunkle Nacht gerannt. Meridia hatte er nur noch von einem Halbdutzend zu allem entschlossener, wütender Männer umringt gesehen, bevor sie in das Zelt geschlüpft und aus seinem Gesichtsfeld verschwunden war. Und Thorain war nirgends mehr zu entdecken gewesen, als Damon sich auf den Rücken des Wachpferdes geschwungen und in panischer Hast davongejagt war. Ungefähr gar nichts war gut gelaufen an ihrer Flucht: Sie waren nicht zusammen weggekommen, hatten ihr Zeug nicht wiedergekriegt, waren weder leise und unauffällig noch irgendwie sonst im Vorteil gewesen.

Musste Damon jetzt wieder bei Null anfangen? Schon früher hatte er von einem Tag auf den anderen ohne alles dagestanden, schon einmal hatte er neugewonnene Freunde verloren. Und wieder sah es so aus, als hätte das Schicksal ihm im unerwartetsten Moment den Boden unter den Füßen einstürzen lassen. Hart war das gewesen, nach dem guten Beginn der Expedition plötzlich eingesperrt zu sein, mit einer ungewissen Zukunft – Sklaverei? Tod? Dann doch lieber Letzteres!

Allerdings hatte Damon mit seinem nahen Untergang ein bisschen zu heftig angebandelt. Wenn er ehrlich war, dann hatte er sich ganz schön danebenbenommen. Oder besser gesagt, er war ganz schön eingeknickt und beinahe zusammengebrochen, als das Schicksal seinen neuesten Streich enthüllt hatte. Wäre Thorain nicht gewesen, dann hätte der „Sanfte“ ihn möglicherweise auch ganz ohne Folter brechen können. Aber das war nicht geschehen. Damon dankte seinen glücklichen Sternen und dem brummigen alten Wanderer, dass der ihn beim Kragen gepackt und ihn wieder auf die Füße gestellt hatte! Und er schwor sich, nicht wieder so schwach zu sein, wenn wieder einmal alles sich gegen ihn wenden würde.

Aber er hatte sich schon furchtbar hilflos und ausgeliefert gefühlt! Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte er das Gefühl gehabt, es sei alles Illusion gewesen, eine bescheuerte Idee, eine Selbsttäuschung: Man sei seines eigenen Glückes Schmied. Schlimmer noch, er wusste, er hätte dem Hinterhalt der Silberstein-Söldner entkommen können – allein zwar, aber mit heiler Haut und der Möglichkeit, die Freunde doch noch rauszuboxen, zu einem späteren Zeitpunkt. Allein er hatte sich anders entschieden, hatte sich falsch entschieden, und damit auch seinen Freunden die Hoffnung auf ein rasches Entkommen geraubt. Ohne sein Grimoire, ohne die Lampe des Maliq Shah Khan schien keine Hoffnung mehr zu bestehen. Hatte er nicht immer noch Magie besessen, wann immer es ihm früher schlecht erging? Die Zauberei, die sein Wesen ausmachte, war immer Damons gewesen, hatte ihm immer zur Verfügung gestanden, ihn nie im Stich gelassen. Und Unsere Liebe Frau der Mysterien hatte Ihre schützende Hand über ihn gehalten.

Dieses Mal hatte er ohne alles, was er für selbstverständlich gehalten hatte, auskommen müssen. Ohne Magie – undenkbar für einen Magier. Ohne Freiheit – undenkbar für einen aus dem Volk von Tethyr. Mit einem aber hatte er nicht gerechnet: Mit der ungeheuren Zähigkeit und Sicherheit, die Thorain Rastenschreiter ausgestrahlt, und die sie alle letztlich gerettet hatte. Nein, eigentlich war es sogar mehr als das gewesen: Nicht nur Thorain, sie alle, die drei Freunde, waren dagewesen, und als Damon, der sie doch eigentlich beschützen sollte, macht- und nutzlos gewesen war, da hatten sie alle trotzdem zusammengehalten und hatten überlebt. Und schließlich waren sie sogar entkommen!

Vielleicht war es das Licht der aufgehenden Sonne, mit dem Lathander ihm diesen Gedanken eingegeben hatte, aber Damon konnte ihn nicht mehr abschütteln: Alles würde schließlich doch gut werden. Sicher, sie hatten Schlimmes durchgemacht. Aber sie hatten es gemeinsam durchgemacht. Sicher, sie waren gefangen und ohnmächtig gewesen. Aber jetzt war Damon wieder frei. Und er wollte verdammt sein, wenn er aus dieser Freiheit nicht das Beste machen würde, das er konnte. Sicher, Grimoire und Lampe waren fort. Aber ohne zu wissen, warum, war Damon sicher, dass er in Bälde auch die verlorengeglaubte Magie zurückgewinnen würde. Was hatte sich denn schon groß verändert? Das Gewebe war noch da. Fern im Süden waren auch die Wüste und die Oase und sein Meister Maliq Shah Khan noch da. Irgendwo nordwestlich von hier lagen ein Grimoire und eine Dschinnenlampe, warteten auf ihren Herrn und waren immer noch da. Und hier in der hügeligen Steppe westlich von Sturmholt saß Damon in einem Graben und war auch, verdammt noch mal, immer noch da!

Als er und die Stute sich ein wenig erholt hatten, erhob sich Damon Mondeval, künftig von Sturmholt, und befreite das arme Tier von Sattel und Zaumzeug. In einer Satteltasche fand er etwas Zwieback und eine lederne Wasserflasche, über die er sich gierig hermachte. Mühsam, aber gründlich, rieb er zuvor noch das Pferd trocken und ließ es dann grasen. Sie beide würden noch etwas Rast brauchen. Bei Einbruch der Dämmerung aber würden sie sich auf den Weg machen. Sie würden die anderen schon wiederfinden!

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