Freitag, 22. Juni 2012

[Kapitel 1] Nachtgedanken

11-18 Flammruul, Im Jahr der Harfe, 1355 n.T., Selûne steht im vierten Viertel (Tag 28 nach Neumond)

Selune hat ihr Gesicht abgewandt. Natürlich gilt das für alle, nicht nur für sie – schließlich ist Neumond. Dennoch kommen ihr die Worte, die sie von Tarr'Tkarr gelernt hat, diese Nacht leer vor. Nein, nicht leer, eher – fern. Selune ist weit. Oder liegt es an ihr? Sicher liegt es an ihr! Was hält die Göttin von dem, was sie getan hat? Was würde Tarr'Tkarr davon halten, wenn er es wüsste? Würde er sich dann auch von ihr abwenden?

Was hat der Hauptmann in ihr gesehen? Sie weiß es nur zu genau, aber wie konnte er – nach der kurzen Bekanntschaft? Marek hat verdient, was er bekommen hat. Soll sie sich etwa dafür entschuldigen, dass sie triumphiert hat, weil er seiner gerechten Strafe zugeführt wurde?
Nein, sie findet es nicht gut, was Barendt mit dem Gefangenen gemacht hat. Folter ist widerlich. Aber - wie weit wäre sie bereit zu gehen? Wäre sie imstande gewesen, Moram die Rippen zu brechen, um den Aufenthaltsort Uvos herauszufinden? Nun, es wäre vielleicht nötig gewesen, ihn etwas härter anzupacken, und gebrochene Rippen heilen auch wieder. Auch herausgerissene Zehennägel verkrüppeln einen Menschen nicht auf Dauer. Und für Uvo wären die schlimmsten Qualen der Hölle nicht genug. Aber das ist schließlich etwas anderes. Für das was er getan hat, hat er nichts Besseres verdient.
 
Der Gefangene hingegen hat versucht, die Banditen, die ihn und seine Karawane überfallen hatten, in eine Falle zu locken. Hätte sie auch versucht, an seiner Stelle. Also hat er das nicht verdient? Immerhin war er ein Bane-Priester. Mochten die Götter wissen, welche Greuel er begangen hatte. Die Welt war zweifellos besser dran ohne ihn.
 
Was hätte sie tun sollen – ihn mitschleifen, wohl wissend, dass jede Bewegung ihm bei seinen Verletzungen Höllenqualen bereitet hätte? Sie hätte nicht wagen können, seine Arme ungefesselt zu lassen, schließlich hat sie gelernt, dass Gesten für Zauberwirker offenbar notwendig sind. Und ein Spruch gehört auch dazu, also hätte man ihn besser noch geknebelt. Denn ob er auch noch ein heiliges Symbol gebraucht hätte, so wie Thorain, ist sie sich nicht sicher – er hatte immerhin dieses Zeichen auf seine Brust tätowiert. Hätte sie ihn etwa tragen, füttern und ihm den Hintern abwischen sollen – einem Bane-Priester? Der nur darauf gewartet hätte, dass sie einen einzigen, kleinen Fehler macht? 
 
Aber selbst wenn sie ihn mitgeschleppt hätte – spätestens auf der Flucht hätte sie ihn zurücklassen müssen. Also wozu die Mühe, die seine Qualen doch nur unnötig verlängert hätte? Und was mit dem Leichnam passiert ist, zeigt doch wohl nur zu deutlich, mit welch finsteren Mächten er sich eingelassen hat. Ob er sie mit seinen letzten Worten verflucht hat? Als ob sie dafür einen Bane-Priester gebraucht hätte! Dieser letzte Blick aus den eisblauen Augen...
 
Es war ohnehin nur ein Test. Barendt wäre niemals so dumm gewesen, einen Bane-Priester, den er gefoltert hat, am Leben zu lassen, damit er sich später rächen kann. Hätte sie ihn nicht getötet, wären sie beide in dieser Höhle gestorben, soviel ist sicher. Nicht wahr? Sicher werden die anderen das verstehen. Das müssen sie. Werden sie? Und wenn schon – sie hatte schließlich keine Wahl! Nicht wirklich. Nicht...
Sie starrt in den Nachthimmel und hält vergebens nach einem Lichtschimmer Ausschau. Aber es ist bewölkt. Die Nacht ist finster. Und es ist ohnehin Neumond.

EXP: je SC 350
6 Wegelagerer (CR 3/800, 2 Veteranen (CR 2/600)

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