Donnerstag, 15. September 2011

[Kapitel 1] To Absent Friends

6-8 Kythorn, Im Jahr der Harfe, 1355 n.T.

Der Zauberer fuhr in der Schwärze seiner beengten Kammer aus dem Schlaf. Rinnsale von Schweiß liefen ihm über den mageren Rücken, ein verzweifeltes Stöhnen verhallte. In einem engen Erdgang hatte er gesteckt, alles um ihn herum düster, seine Augen beinahe geblendet vom gelben Licht seines Zaubers. Und vor ihm. Vor ihm war. Adeliz. Sie schrie jetzt nicht mehr, doch die Laute des fressenden Ghuls. Weiter vermochte der Zauberer jetzt nicht zu denken, sprang auf und griff mit beiden Händen in die Wasserschale neben dem schmalen Bettgestell. Kalt und erfrischend lief das Wasser über Stirn, Wangen und Schultern, und der böse Traum löste sich allmählich auf.

Nur wusste Damon, leider, leider, es war kein Traum gewesen. Erst wenige Tage war es her, da ritt er mit Adeliz noch durch den klaren Sonnenschein, wechselte Worte mit Johab, alles schien selbstverständlich, als wären beide nicht schon dem Tod geweiht, der sie nun ereilt hatte. Sturmholt war Damons Ziel, doch zu viert hatten sie sich zunächst auf die Suche nach dem Grab und dem Magister gemacht. Selbst Wolkenbrüche und das zerklüftete Hügelland hatten den Reisenden nicht die gute Laune verdorben. Doch als sie an der Grabungsstelle angelangt waren und dort statt eines lebenden Magisters dessen Leiche und sein Attentäter sie erwarteten, hätten sie das doch als Vorzeichen verstehen müssen. Hier gab es nichts für die Lebenden. Die Toten bewachten den Ort, und Magister Chiltibrand war nur der erste. Sie hätten die uralte steinerne Pforte wohl ungeöffnet lassen sollen. Kamen ihnen nicht sogleich vier, fünf, ein halbes Dutzend wandelnde Tote entgegen, Wächter und Hüter einer Stätte, die allein den Gestorbenen vorbehalten war? Hatte nicht ein niemals schlafender Geist von Bosheit und nicht geringer Macht den alten Knochen falsches Leben eingehaucht, um diejenigen, die sich warmen Bluts erdreisteten, das Grab zu berauben, in wilder Flucht wieder hinauszutreiben? Aber nein, im Vertrauen auf seine Magie war Damon hineinspaziert, im Vertrauen auf Ilmater war Johab von den Blutenden Auen hineingeschlendert, im Vertrauen auf den guten Ausgang ihrer eigenen Geschichte war Adeliz Camarroux hineinflaniert, und dies allzugroße Vertrauen hatte zwei von dreien ihr Leben gekostet. Selbst als nach hartem Kampf die Toten erneut ruhten und der Geist des Ortes vertrieben war, selbst als die Gefährten von der langen Arbeit ermattet und von ihrer Zauberei zutiefst erschöpft waren, überwog kindliche Neugier weisen Ratschluss.

Damon trat ans Fenster und atmete tief die kühle Luft der sternklaren Nacht. Die Erinnerung an das Leuchten in Adeliz' Augen, das letzte Mal, als er ihr Gesicht sah, schrieb dem abgehärmten Magier salzige Spuren auf die Wangen. Johab war sicher bereit gewesen zu sterben, auch wenn er die Grausigkeit seines Endes kaum selbst gewählt hätte. Doch die junge Bardin wollte gewiss nicht sterben. Ihre panischen Schreie schienen in der kleinen Kammer des Elturelschen Wirtshauses immer noch widerzuhallen, erfüllt von Unglauben und Verzweiflung, dass es jetzt tatsächlich ans Ende ginge, von tiefster Erschütterung über das grausame Ausmaß der Pein, die das Ungeheuer ihr zufügte. Ein wortloser Hilfeschrei, und beide waren sie geeilt, Johab und er, doch war der Weg zu weit gewesen, und Damon war in der erstickenden Erde beinahe festgesteckt. Und als dann auch die sonst so feste und entschlossene Stimme des Priesters plötzlich voll Panik seine Schmerzen verkündete, da warf Damon einen Blick aus dem Tunnel und sah von Adeliz nur einen langen roten Streifen Fleisches vorüberschnellen, den die spitzen Zähne des Ghuls soeben aus ihrem Leib gerissen hatten. Und ihre wundervolle, klare Stimme verstummte.

Was war ihm schon übriggeblieben, welchen Zweck hätte sein eigener Tod in dieser Stunde erfüllt? Hätte er bleiben sollen, kämpfen mit vor Schwäche zitternden Händen und ohne den versenkten geeinten Willen, den die Zauberei erfordert? Hätte er sein Leben opfern und seinen Leib den Totenessern zur Speise bereiten sollen? Natürlich nicht. Aber es nicht zu tun, es nicht getan zu haben, das war schwer zu ertragen. War er denn ein Feigling, der Menschen in Not nicht zur Hilfe kam? War er ein eigennütziger, selbstischer Mensch, der seine Gefährten im Stich ließ? All dies hatte er in den Augen des geweihten Paladins gelesen. Nach seiner Flucht, nachdem er seine... Freunde... im Stich gelassen hatte. Kein Wort hatte Jonas Eisenlicht gesagt, nur genickt und die Pferde gesattelt, doch war sein Schweigen eine um so offenere Anschuldigung. Oder empfand Damon es nur so? Noch nie hatte er Freunde gehabt, wenn diese denn welche waren. Und ja, soweit wollte er gehen, sie waren Freunde gewesen. Hatte er nicht mit Adeliz Brüderschaft getrunken, hatten sie alle sich nicht in wenigen Wochen mehrfach gegenseitig das Leben gerettet? Nun, dieses Mal hatte er ihnen. Nicht! Das Leben gerettet. Er konnte es nicht, er hatte allein nicht die Kraft.

Welchen Weg würde Damon nun einschlagen? Immer war er allein gewesen, sein ganzes Leben lang. Und wenn es so, so furchtbar, schwer war, Freunde zu haben, so voller Gefahren nicht nur für das eigene Leben, sondern auch für das der anderen, sollte er dann nicht besser wieder allein bleiben? Damit zumindest hatte er Erfahrung, damit war er immer gut gefahren. Doch würde er es können? Nachdem er einmal die Kameradschaft, die Zusammengehörigkeit gespürt hatte, würde er für immer auf sie verzichten können?

Zitternd wickelte er sich in die dünne schweißfeuchte Decke und wusste nicht, ob er den Schlaf suchen oder scheuen sollte.

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